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Erlebnisbericht
2003
Reise nach |
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„No“,
antwortet der Militärpolizist und schüttelt sachte den Kopf; er spricht
kein Englisch. Hier stehen wir also: am Checkpoint einer Militärbasis der
Dominikanischen Republik. Schranken versperren die Strasse und uns wird
klar: wir haben uns verfahren. Schon Kilometer zuvor hatte ich das ungute
Gefühl, nicht auf dem richtigen Weg zu sein. Wir befanden uns auf einer
von Santo Domingo nach Süden führenden Strasse. Irgendwie erinnerte sie
mich an eine Ausfallstrasse einer ärmlichen amerikanischen Grossstadt:
Leuchtreklamen von schmuddeligen Motels und billigen Kasinos; Werbetafeln
überall. Es war schmutzig, staubig, heiss und irgendwie trostlos. Ich
entschloss mich aufgrund meiner Unsicherheit, jemanden nach dem richtigen
Weg zu fragen. Ein mit einem Gewehr bewaffneter und als Seguridad
(privater Sicherheitsdienst) uniformierter Schwarzer, ich schätzte ihn
auf gut sechzig Jahre, schien mir vertrauenswürdig zu sein. Er bewachte
einen jener Getränkeshops, welche man normalerweise bei Tankstellen
findet - hier fehlte einfach die Tankstelle. „Señor,
do you speak English?” Ein
unverständiges Kopfschütteln zeigte mir sofort: nichts zu machen. Ich
erinnerte mich daran, auf der Herreise irgendwo gesehen zu haben, dass
"Airport" auf spanisch "Aeropuerto" heisst. Mit meiner Frage „Aeropuerto?“ ernte ich aber ein
weiteres Kopfschütteln des Seguridad-Mannes. Das war alles nicht sehr
ermutigend. Nun denn, sagte ich mir, dann muss es halt die Zeichensprache
sein: und schon wurde meine rechte Hand zu einem startenden Flugzeug. Na,
geht doch: Er hatte es kapiert! Sein Gesicht mit den paar wenigen
Zahnstummel formte sich zu einem freudigen Grinsen und er wiederholte das
Wort Aeropuerto und machte gleichzeitig die selbe Handbewegung, die ich
ihm eben vor-gezeigt hatte. Dann wies er in die Richtung hin, in die wir
sowieso unterwegs waren. Uff!, diese Bestätigung tat gut. In Santo
Domingo gab es leider kaum Wegweiser und es galt, nach dem Gefühl zu
fahren: der Süden, dort wo der Internationale Flughafen ist, musste in
dieser Richtung liegen. Also fuhren wir weiter auf dieser unendlich langen
und geraden Ausfallstrasse. Bis wir zu diesem Checkpoint kamen. Hier stehen wir nun. Und die Erleuchtung kommt, wie ich im Hintergrund einen Militärjet sehe, der als Monument oder Kunstwerk auf einer wuchtigen Eisenstange aufgebockt ist: Wir sind tatsächlich bei einem Flughafen angekommen, an einer Airbase. Der Militärpolizist ruft nun seinen Vorgesetzten her, der offensichtlich auch kein Englisch spricht. Aber darüber will ich mich keinesfalls beklagen, befinden wir uns doch in einem Land, in dem spanisch gesprochen wird. Dass ich kein Spanisch verstehe, mir aber doch vieles spanisch vorkommt, ist deshalb mein Dilemma. Sei's drum, der Vorgesetzte zeigt mir jetzt, wie und wo ich unser Wagen wenden darf. Trotz allem, ich versuch es noch einmal: „Aeropuerto?“ Der Vorgesetzte schwafelt etwas, das mir wieder spanisch vorkommt, während der Militärpolizist mit der Hand ein Blinklicht symbolisiert und dann nach links zeigt. Aha, zurück bis zur Ampel und dort links?! Das ergibt für mich durchaus Sinn. Wir wenden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir allerdings das Gröbste schon längst überstanden. Am
Anfang war eigentlich nur der lose – etwas blauäugige - Gedanke, einen
schon lang erträumten Karibikurlaub mit dem Besuch unseres Patenkindes
von World Vision, Christina, zu verbinden. Wir, das sind die drei
pubertierenden, aber durchaus liebenswerten Mädchen Melanie (16), Ramona
(14) und Tanita (12), deren Mutter Iris und deren Vater Jürgen (das bin
eben ich, der Autor dieses Berichtes). Bereits im März 2003 buchten wir
unseren Urlaub in Punta Cana. Ich bevorzuge den Frühbuchungsrabatt gegenüber
dem Last-Minute-Angebot. Da wir bereits früher von Christina Zeichnungen
und von Ihrer Mutter Briefe erhalten haben, verfügen wir über die lokale
Adresse von World Vision und kontaktierten das Büro in Santo Domingo. Wir
erkundigten uns nach der Möglichkeit eines Besuches. Es wurde uns
mitgeteilt, dass wir herzlich willkommen seien, wir aber vorgängig von
World Vision Schweiz eine Besuchserlaubnis einholen müssten. Diese
Erlaubnis wurde uns unkompliziert erteilt, auch wenn es dazu noch einen
Auszug aus dem Strafregister einzureichen galt. Klar: Es wäre wohl
peinlich, würde World Vision zum Beispiel einen vorbestraften Pädophilen
sein Patenkind besuchen lassen. Interessanterweise musste die Mutter meiner
Kinder
keine weisse Weste vorweisen. Tja, wir Männer werden eben immer wieder
diskriminiert! Die zuständige Mitarbeiterin von Vision Mundial in Santo
Domingo, nennen wir sie Geanil, kontaktierte uns erneut und bat uns, nach
der Ankunft in der Dominikanischen Republik ihr das definitive
Besuchsdatum mitzuteilen. Sie empfahl uns gleichzeitig, mit dem öffentlichen
Bus von unserem Ferienort Punta Cana nach Santo Domingo zu fahren. Der Bus
solle täglich um 7 Uhr losfahren, irgendwo ausserhalb der Hotelanlagen,
und um 11 Uhr in Santo Domingo sein. Dort nähme uns dann Geanil am
Busterminal in Empfang. Mir kam das alles etwas kompliziert vor und ich
entschied mich nach Absprache mit dem "Familienrat", einen
Mietwagen zu leihen und selbst nach Santo Domingo zu fahren. Das ist doch
viel bequemer! Wir können stoppen wann und so oft wir wollen. Um uns
auszuruhen oder um zu fotografieren. Wir können unsere eigene Musik hören
und sind äusserst flexibel. Die Reise nach Santo Domingo dauert ungefähr
vier Stunden, egal ob mit dem Bus oder dem Mietwagen. Das heisst, hin und
zurück acht Reisestunden! Nein, da ist es bestimmt besser, wenn wir eine
Pause mit Übernachtung in Santo Domingo einlegen. Auch deshalb, weil es
im Oktober um 18 Uhr bereits dunkel sein wird und das Fahren bei
Dunkelheit sogar nach meinem unbedarften Verständnis zu gefährlich ist.
Schliesslich soll Urlaub Urlaub sein, und kein Stress. Übrigens:
Santo Domingo heisst nichts anderes als "heiliger Sonntag".
Heute, nach meinen Erfahrungen, würde ich die Stadt Emocionante
Martes „spannender Dienstag“
nennen. Während dem Besuchsabend unseres Reiseveranstalters Helvetic Tours – wir sind in unserem Ferienort eingetroffen - bitten wir die Reiseleiterin um Mithilfe bei der Organisation der geplanten Reise nach Santo Domingo. Gerne bucht Sie ein zentral gelegenes Hotel und erklärte uns anhand einer Skizze wo dieses liegt. Sie weist uns allerdings darauf hin, dass wir das Auto besser am Stadtrand parken und dann per Taxi zum Büro von World Vision, respektive zum Hotel fahren sollen (Diesen Ratschlag schlage ich später in den Wind). Und überhaupt, so meint sie, sei das Fahren in der Dominikanischen Republik ein äusserst riskantes Spiel. Na, na, denke ich, als ehemaliger Aushilfe-Taxifahrer in der Grossstadt Zürich dürfte das wohl zu machen sein. Die Mitarbeiterin des Reisbüros weigert sich jedoch strikte – wenn auch freundlich – uns einen Mietwagen zu besorgen. Abschreckend weist sie uns darauf hin, dass wir bei einem Unfall durchaus mit einer Übernachtung in einem dominikanischen Gefängnis rechnen dürfen, bevor sich die Polizei um die Schuldfrage kümmern würde. Trotzdem: ich rufe das lokale Büro von Europcar an und reserviere einen Minivan, der sich im Nachhinein als ein Minibus entpuppen wird. Heute
Dienstag Morgen, es ist der 7. Oktober 2003, geht es los. Um 0815 Uhr soll
uns ein Mitarbeiter von Europcar in unserem Hotel abholen. Natürlich ist
niemand da; in der Karibik ticken die Uhren anders. Es ist inzwischen halb
neun und ich rufe bei Europcar an. Gelobt sei die Mobiltelefonie, deren
Abdeckung (Orange sei Dank), erstaunlich gut ist! Der Herr am anderen Ende
der Leitung, die ja im Prinzip keine Leitung mehr ist, erklärt mir, dass
Autovermieter bei den Hotels nicht zufahren dürfen und wir deshalb zum
vorgelagerten Haupteingang kommen müssten. Dort werde in fünf Minuten
ein Fahrer auf uns warten. Hmm, und wenn wir nicht angerufen hätten? Tja,
dann wäre wohl diese Geschichte hier zu Ende. Alle Hotels in dieser
Gegend sind grossräumig eingezäunt und haben eine Zufahrtsallee mit
einem bewachten Eingang. Gut gelöst. Es entsteht kein Gefühl, in einer
abgeschotteten Hotelwelt zu leben. Wir spazieren der Allee entlang und
passieren die Tennisplätze. Tatsächlich: hinter der Eingangsschranke
wartet ein Minibus. Der freundliche und aufgestellte Schwarze fährt uns
zur nahe gelegenen Vermietstation. Der Papierkram wird erledigt. Der
Hinweis, dass der Mietpreis alle Versicherungen beinhalte, suggeriert eine
optimale Sicherheit. In einem Reiseführer lese ich später, dass
Mietautos in der Dominikanischen Republik nicht durch eine Vollkasko
versichert werden können. Uups! Etwas
nervös fahre ich los, liegen doch vier Stunden Autofahrt auf unbekannten
Strassen vor mir. Nach wenigen hundert Meter kommen wir zu einer ersten
Schwelle, wie solche in Ortschaften offensichtlich heilige Pflicht sind.
Es handelt sich um echt brutale Schwellen, die man selbst mit einem Geländewagen
und im Interesse sowohl des Fahrzeugs als auch dessen Insassen wirklich
nur in halbem Schritttempo passieren sollte. Die Schwellen erfüllen
gerade deshalb ihren Zweck - und noch mehr; doch dazu später mehr. Wir
befinden uns am Plaza Bavaro, wo sich nebst einigen Geschäften sowie
einer Bank auch die Polizeistation befindet. Längst haben wir uns daran
gewöhnt, diese uniformierten Dominikaner mit den schönen Gilets zu
sehen, patrouillieren diese doch ständig mit ihren olivgrünen Mützen
mit der gelben Aufschrift „Politur“ entlang dem Strand. Melanie stellt
nun fest, dass Politur gar nicht das spanische Wort für Polizei ist (und
auch nichts mit dem Polieren von Möbeln zu tun hat), sondern ganz einfach
die Abkürzung für „POLIzia TURistico“ ist. Wir fahren weiter und
erreichen nach zwei weiteren Kilometern die erste wegweiserfreie Kreuzung.
Noch auf der Kreuzung merke ich, dass ich die falsche Richtung einschlagen
will, kann aber aufgrund des um mich herrschenden Verkehrs nur noch
geradeaus auf einen Kiesplatz fahren. Neben mir hupt einer wie verrückt.
Noch vermag mich solches zu beeindrucken und ich schaue deshalb nach links
zum Hupenden. Es ist unser Shuttle-Fahrer von Europcar, der uns offenbar
zeigen will, dass wir dabei sind, vom richtigen Weg abzukommen. Danke Señor,
aber das habe ich selbst geschnallt! Anmerkung: Hätte er mich auf dem Rückweg
angehupt, er wäre von mir mit Verachtung bestraft worden; schliesslich
hupt hier jeder aus Prinzip. Der
Weg führt uns nun vorerst etwa zwanzig Kilometer in Richtung Flughafen
Punta Cana. Wir befinden uns hier in der touristisch am besten
erschlossenen Gegend der Dominikanischen Republik. Und just hier befinden
sich die wohl am schlechtesten unterhaltenen Strassen... Ich denke an die
Schweiz, wo nach einem harten Winter einige Bergstrassen mit Schlaglöcher
durchsetzt sind. Die Winter hier sind vielleicht dreissig Grad wärmer als
bei uns in der Schweiz, aber in Sachen Schlaglöcher ist diese Gegend
bestimmt nicht zu übertreffen. Der rege Verkehr schlängelt sich gekonnt
um die bis zu zwanzig Zentimeter tiefen(!) Löcher. Das führt dazu, dass
manchmal über Hunderte von Metern auf der Gegenfahrbahn gefahren wird.
Offensichtlich kennen die Einheimischen „ihre" Löcher ganz genau.
Auf Busfahrten vom respektive zum Flughafen, oder bei Ausflügen, schaut
man besser nicht vorne zum Fenster raus, sondern auf der Seite. Ausser,
man hat Nerven wie Drahtseile. Als Selbstfahrer stelle ich fest, dass es
nicht so gefährlich ist wie es aussieht. Der Gegenverkehr reagiert rücksichtsvoll
und geht wenn nötig vom Gas oder weicht einfach aus. Die Dominikaner sind
ein lebensfrohes Volk, lieben es Merengue zu tanzen und wollen bestimmt
nicht auf der Strasse sterben. Wir erreichen eine grössere Verzweigung:
so etwas wie ein lokaler Treffpunkt mit Tankstelle und einem nicht sehr
einladend wirkenden Burger-King. Es halten hier viele Linienbusse,
Sammeltaxis und Personalbusse (die übrigens exakt so aussehen, wie die
amerikanischen Schulbusse) um ihre Fahrgäste ein- und aussteigen zu
lassen. Rechts befindet sich ein riesiger Sandplatz, vielleicht zwei oder
drei Fussballfelder gross. Er ist absolut leer: Ich wundere mich, für was
der Platz geplant ist. Rundherum hat es eine etwa dreissig Zentimeter
hohe Betonmauer, aus der Armierungseisen ragen, da und dort wurde ein
Becher oder anderer Abfall am Eisen aufgespiesst. Wir
sind jetzt – nach etlichen kurz aufeinander folgenden Schwellen –
vorne bei der Abzweigung. Ich sehe keinen Wegweiser, weiss aber von
unseren Ausflügen, dass die Strasse links zum Flughafen von Punta Cana
und rechts nach Higũey führt. Ich weiss auch, dass von hier an die
Strassen deutlich besser werden, praktisch frei von Schlaglöchern. Während
ich auf der langen geraden Strasse nach Norden fahre entspanne ich mich
etwas, ohne zu vergessen, dass die Stadt Higũey die nächste
Herausforderung darstellen wird. Wir befinden uns auf der Staatsstrasse
Nr. 4, die, abgesehen von den wiederholt vorhandenen Schwellen, in einem
tadellosen Zustand ist. Ja wie angekündigt, nochmals zurück zum Thema
Schwellen: Es befinden sich dort immer einige kleine Holz- oder Wellblechhäuser.
Dass zuerst die Häuser waren und dann die Schwellen, erachte ich als ein
Gerücht. Da alle Fahrzeuge vor den Schwellen praktisch anhalten müssen,
gehört zu einer schönen Schwelle jeweils ein Verkaufsstand, manchmal ein
alter Tisch, manchmal ein einfaches Brettergestell, auf dem Geflügel und
anderes Fleisch, Papayas, Wurzeln, Kokosnüsse, Zuckerrohre oder Ananas
angeboten werden. Häufig sind die kleinen Holzhäuser bunt angemalt und
es kann ihnen eine gewisse Romantik nicht abgesprochen werden. Sie
erinnern mich von der Bauart (nicht von der Farbe) an eine einfache Berghütte
mit einem offenen Feuerplatz davor. Ein altes Fass sammelt das
Regenwasser, Hühner und Hunde spazieren oder liegen vor dem Haus, auf
einem alten Stuhl sitzt ein ebenso alter Schwarzer und raucht eine selbst
hergestellte dominikanische Zigarre. Sofort
verfliegt die Romantik, als wir junge Leute entdecken, die offensichtlich
in äusserst ärmlicher Umgebung leben müssen. Gar etwas krass wirkt es,
wenn ein Kind, soeben zurück von der Schule, sich in seiner hübschen
Schuluniform zeigt, die vordergründig überhaupt nicht hierher zu passen
scheint. Es ist allerdings sinnlos und müssig hier darüber zu
philosophieren wer ein glücklicheres, erfüllteres Leben führen kann:
sie hier oder wir dort. Es lohnt sich aber bestimmt, in einer ruhigen
Stunde sich ein paar Gedanken darüber zu machen. Wir
sind nun bald eine Stunde unterwegs. Die fröhliche, beschwingte, aber
doch immer ähnlich tönende Merengue-Musik plärrt aus den Lautsprechern
unseres Hyundais. Die Fenster sind geschlossen, die Klimaanlage verrichtet
zuverlässig ihre Arbeit während wir links und rechts der Strasse riesige
Zuckerrohrfelder an uns vorbei gleiten sehen. Ganz vereinzelt sehen wir
einige Zuckerrohr-Schneider, die mit ihrer riesigen Machete fast etwas
bedrohlich wirken. Sie leisten eine brutal harte Arbeit, die schliesslich
viel Zucker für die USA und viel Rum für die heimische Bevölkerung
bringen wird. Wir nähern uns der Stadt Higũey. Ich werde
darauf aufmerksam gemacht, dass der Tank bald leer sein wird. Bald leer? Er ist
praktisch leer! Bei der Übernahme des Wagens dachte ich, er sei nicht
ganz voll?! Nun, da habe ich beim Blick auf die Anzeige wohl oben mit
unten verwechselt. Am Stadtrand von Higũey kommen wir zu einer
Shell-Tankstelle. Ich fahre vor eine Säule mit der Anschrift
"Diesel". Das Glas ist kaputt, der Peso-Zähler dreht in der
freien Natur seine Kreise. Die Zahlen auf der Anzeige ergeben für mich
keinen Sinn. Das umrechnen gelingt mir nicht. Dreht sich ja auch schnell,
die Anzeige ;-). Nun ja, Pesos habe ich nicht sehr viele dabei und ich möchte
sie als Reserve behalten. Ich frage den Tankwart, ob er auch Dollars
nehme. Er bejaht und beginnt auf einem kleinen Rechner Zahlen einzutippen.
Ich sehe, wie er zweimal das Resultat löscht und wieder von vorne
beginnt; offensichtlich war er mit den Resultaten nicht zufrieden. Nach
einiger Zeit zeigt er mir auf seinem Rechner den gewünschten Betrag;
genau so, wie es die Schmuck- und Bilderverkäufer am Strand zu tun
pflegen. Und dort durfte unser Gegenvorschlag jeweils höchsten ein
Drittel des ursprünglich geforderten Betrages ausmachen um einen fairen
Preis zu erhalten. Muss
ich hier an der Tankstelle gleich vorgehen? Er will 24 Dollar für die
Tankfüllung. Ich muss zugestehen, dass ich keine Ahnung habe, ob der
Betrag zu hoch ist oder nicht, doch bin ich mit diesen 24 Dollar zufrieden: was soll also das Misstrauen. Higũey erleben wir als die
ultimative "Motorrad-Chaos-Stadt. Zu Hunderten – und da dürfen Sie
mich beim Wort nehmen – fahren uns die Roller um die Ohren. Die Stadt
wirkt dadurch äusserst lebendig, hat auch viele Bars, Verkaufsstände und
andere Treffpunkte. Etwas abstossend wirkt einzig das an einigen Orten
aufgehängte Fleisch: Nicht nur, dass es ungeschützt vor der sengenden
Sonne über einer Holzstange hängt, nein, es ist auch dem Staub und den
Abgasen der Strasse ausgesetzt. Ich werde an die Lofoten erinnert, wo der
Stockfisch zum Trocknen aufgehängt wird. Schönes, kühles Norwegen! Ich
drehe die Klimaanlage weiter auf.
Ganz
unspektakulär verläuft die Fahrt bis zur nächsten grösseren Stadt, mit
dem schönen Namen "La Romana". Sie hat eine Art Umfahrung und
ist relativ einfach zu passieren. Am Stadtrand parken wir unser Auto an
einer Tankstelle mit Shop und Bar, um uns mit genügend Getränken und
etwas Essbarem zu versorgen. Erstmals sehe ich einen bewaffneten Seguridad
der offensichtlich die Aufgabe hat, die Tankstelle zu bewachen. Zwei schöne,
grosse, weissbraune Hunde liegen vor einer Tanksäule und dösen im
Schatten des Daches. Weiter
geht es in Richtung San Pedro de Macoris. Wir haben nun die Hälfte der Wegstrecke hinter uns gebracht. Nach San
Pedro de Macoris weist ein Schild mit der Aufschrift "Santo
Domingo" ins Landesinnere. Wir biegen ab und kommen auf eine
richtungsgetrennte Strasse, eine Art Autobahn. Ich beschleunige langsam
auf etwa 120 km/h. Nach wenigen Kilometern sehe ich vor mir zwar eine
grosse Kreuzung, aber keinen einzigen Hinweis, dass ich hier die
Geschwindigkeit drosseln sollte. Warum auch, ich bin ja schliesslich auf
der Autobahn. Dennoch drossle ich die Geschwindigkeit da ich rund um die
Kreuzung einige Fahrzeuge und Fussgänger sehe. Mit noch etwa 80 km/h
fahre ich über die Kreuzung, worauf mir wütend Fäuste hinterher
geschwungen werden. Im Nachhinein muss ich zugeben: zu recht. Das war eine
stinknormale Kreuzung, und meine Durchfahrt äusserst riskant, ja geradezu
gefährlich. Sofort erinnere ich mich an die Warnung unserer
Reiseleiterin: man dürfe bei einem Unfall bis zur Abklärung der
Schuldfrage vorerst mal im Gefängnis übernachten. In einem
dominikanischen Gefängnis notabene. Nicht auszudenken, was geschieht,
wenn man gar Unfallverursacher ist. Ich atme tief und hörbar durch und
nehme mir vor, in Zukunft noch aufmerksamer zu sein, noch konzentrierter.
Die Autobahn wird nun ganz offiziell eine Autobahn und Iris beruhigt mich
mit dem Hinweis, dass jetzt bestimmt alles einfacher werde. Schon deshalb,
weil uns all die Roller nicht mehr stören werden. Denkste! Schon nach
wenigen Metern überholen wir ein Roller - mit drei Personen drauf! Den
Rekord hat allerdings zuvor eine Familie in Higũey aufgestellt.
Hinter dem Fahrer sass ein Frau, die Beine seitlich baumelnd mit ihrem
Kleinkind im Arm, dahinter nochmals ein Erwachsener Mann. Und während wir
noch staunen, dass hier auf dem Mittelstreifen ein Reiter sein Pferd
galoppieren lässt, kommen uns zwei "Drahtesel" entgegen. Ja
richtig: sie kommen uns entgegen! Auf unserer Fahrspur! Ein paar Kilometer
weiter fällt mir auf, dass am
rechten Fahrbahnrand die Leitplanken fehlen. Entweder wurden sie geklaut
oder es hat schlicht das Geld dazu gefehlt. Aus
diesem Grund werfe ich zur Sicherheit einen Blick auf die Ziegenherde am
Strassenrand: Gott sei Dank, sie bleibt dort stehen. Je
mehr wir uns Santo Domingo nähern, desto häufiger überqueren Fussgänger
die Autobahn, auf welcher übrigens recht anständig und kaum über 120
km/h gefahren wird. Fussgänger strömen aus Bussen und Taxis, welche
direkt auf der Fahrspur anhalten; Einer der Busse hält auf der Überholspur,
gleich beim Mittelstreifen. Logisch, ist ja viel weniger gefährlich,
schliesslich wollen die Fahrgäste ja nach links. Wir passieren nun den
internationalen Flughafen und sehen in der Ferne die Skyline von Santo
Domingo, welche sich von den schwarzen Wolken im Hintergrund nur schwach
abheben kann. Es sieht nicht sehr einladend aus. Rechts neben der Autobahn
sehen wir eingefallene Häuser. Iris weist die Kinder auf das Erdbeben vor
wenigen Tagen hin. Wie ich später erfahre, gab es aber in dieser Region
keine Schäden; diese Häuser sind wohl aus anderen Gründen
zusammengefallen, oder wurden sie gar nie fertig gebaut? Hier sehen wir
auch die ersten Person- und Lastwagen ohne Front- und Seitenscheiben. Wir
haben nun – so nehme ich an – den Stadtrand von Santo Domingo
erreicht. Bei der Vorbereitung unserer Reise habe ich in einem Reiseführer
eine Stadtkarte von etwa 12 auf 12 cm gefunden. Dort ist sowohl die
Strasse eingezeichnet, an der World Vision liegt, als auch diejenige, an
der unser Hotel zu finden ist. Also, was kann da
noch schief gehen? Der Plan zeigt mir, dass wir vorerst auf einer der zwei
eingezeichneten Brücken den Rio Ozama, welcher von Norden her in das
Karibische Meer fliesst, überqueren müssen. Nach kurzer Zeit befahren
wir jene Brücke, die näher am Meer liegt. Erneut stoppe ich unser
Minibus um mich zu orientieren: Eigentlich ganz easy, wir müssen nun nach
links in die Altstadt, durch die Zona Colonial fahren und dann weiter auf
der Avenida Bolivar bis zur A. Perdoma Street. Ich fahre also los. Es
gelingt mir irgendwie, eine Kurve nach links und somit in die Altstadt zu
fahren, dann aber nicht mehr wie gewünscht, nach rechts abzubiegen: aus
dieser Richtung kommen mir nämlich Fahrzeuge entgegen, gleich auf drei
Spuren, notabene auf einer zweispurigen Strasse. Also fahre ich zwangsläufig
geradeaus und fühle mich schon bald irgendwo im Nirgendwo. Leichter
Stress kommt auf: hier sieht es aus, wie ich mir eine kriminelle Gegend
vorstelle. Ich höre mich ein paar Schimpfworte murmeln, wovon sich eines
wie "Scheisse" anhört. Strom- und Telefonleitungen hängen wirr
und tief über der Strasse und entlang den Häusern. Einige Kabel wurden
abgeschnitten und hängen an Hauswänden. Die dunklen Hauseingänge wirken
bedrohlich (wieso haben die denn keine Türen?) und Wäsche hängt da und
dort aus den Fenstern. Schwarze lungern auf dem Bürgersteig rum und
bestaunen unseren Hyundai. Hilfe, jetzt nur keinen Plattfuss! Ich
befürchte,
wir sind hier in einem Quartier gelandet, welches uns jeder Reiseleiter
verbieten würde, es zu betreten. Puuh! Solch wilde Gedanken rasen durch
meinen Kopf während ich einen Weg aus dieser Ecke der Stadt suche. Dazu
muss ich - so überlege ich - rechts rauf, wieder in die Richtung, von der
wir gekommen sind. Gemäss
Lexikon bedeutet Strasse „für den Verkehr von Fahrzeugen besonders
hergerichteter, befestigter Weg“. Gemäss den Gepflogenheiten in Santo
Domingo kommt da noch einiges dazu. Hier macht jeder mit der Strasse was
er will. Sie ist offensichtlich eine anarchische Zone! Parkieren,
streiten, handeln, diskutieren, reparieren, hupen, hupen und nochmals
hupen. Hupen tun diejenigen, die die Strasse zum „Verkehr von
Fahrzeugen“ missbrauchen wollen. Mitten im Chaos steht laut lachend ein
Schwarzer neben seinem halb zerfallenen Auto. Sein Toyota hat
offensichtlich den Geist aufgegeben – bestimmt nicht zum ersten Mal.
Vergeblich versucht er, sein Fahrzeug wegzuschieben, was aber aufgrund des
Chaos gar nicht möglich ist, und weil jeder Flecken der Strasse belegt
ist. Iris lacht ebenfalls, was mich kurz beunruhigt, denn wer weiss, ob
dies vom schwarzen Bruder als Provokation aufgefasst wird. Und abhauen könnte
ich inmitten der vielen Schrotthaufen auch nicht. Nach einiger Zeit kann
ich unseren Wagen wieder bewegen und wir sind rasch auf der gesuchten
Avenida Bolivar. Wir fahren in den Stadtteil Gazcue, der unverkennbar zu
den bevorzugten Wohngegenden gehört. Hier finden sich wieder Häuser und
Autos, die dem europäischen Standard entsprechen. Nach wenigen Minuten
finden wir das Büro von World Vision, parken unser Fahrzeug am
Strassenrand und werden von einem Seguridad-Mann durch das Eisentor in den
Hof und dann ins Büro begleitet. Wir haben uns für 13 Uhr angemeldet. Es
ist 12.30 Uhr. Wir haben den ersten Teil unserer Reise nach Santo Domingo
auf spannende und amüsante Art und Weise hinter uns gebracht. Die
zuständige Mitarbeiterin, wir nannten sie Geanil, heisst uns willkommen
und zeigt uns die Räumlichkeiten. Wir befinden uns hier im zentralen Büro
„Vision Mundial“, von welchem aus alle Projekte in der Dominikanischen
Republik betreut werden. Auf einer Landeskarte sind die Projekte mit einer
Stecknadel markiert. Erinnere ich mich richtig, so befinden sich in Santo
Domingo vier Projekte mit 1500 betreuten Kindern, in der ganzen
Dominikanischen Republik aber weit mehr Projekte, mit der beeindruckenden
Zahl von 28'700 Kindern. Hier im zentralen Büro wird unter anderem auch
die ganze Korrespondenz mit den Paten/Sponsoren aus aller Welt
koordiniert. Ein grosser Postsack mit Paketen liegt zur Verarbeitung
bereit. Alle Mitarbeiterinnen begrüssen uns freundlich und geben uns die
Möglichkeit, Fragen (in Englisch) zu stellen. Beeindruckt vom bisher
Erlebten fallen uns aber kaum Fragen ein und wir lassen die Leute deshalb
wieder arbeiten. Geanil zeigt uns auf der Karte, wohin wir nun fahren würden,
um unser Patenkind zu treffen. Das Projekt liegt im Nordosten der Stadt. Normalerweise
wird für die Fahrt zum Patenkind ein Taxi bestellt, das selbstverständlich
von den Besuchern bezahlt werden muss. Ich frage Geanil, ob sie mit uns
fahren wolle, da wir ja über einen grossen Wagen verfügen. „Do
you have a driver?“ fragt sie. A
driver?
Nein, ich fahre selber! “Sie
fahren selber?”, fragt Sie erstaunt? Ich halte ihr den Schlüssel hin
und sage, dass sie gerne selber fahren dürfe, falls sie das bevorzuge.
Wenn das auch nur ein müder Spass meinerseits ist, frage ich mich
dennoch, ob mein Vorschlag versicherungstechnisch vernünftig war? Aber
Geanil winkt ab; nicht ohne zu bemerken, dass sie zwar schon Auto fahren könne,
aber hier in Santo Domingo nicht wolle. Uups,
sehr motivierend. Sie setzt sich auf den Beifahrersitz und weist mich
meines Erachtens in die falsche Richtung. Dann erklärt sie aber, dass um
13 Uhr Rushhour sei und nun alle zum Mittagessen gingen, weshalb wir eine
alternative Route fahren müssten. Sie kennt sich offensichtlich perfekt
in Santo Domingo aus und lotst uns äusserst geschickt durch die Stadt.
Zuerst fahren wir auf der Avenida del Puerto, vorbei an einem bemalten
Obelisk, entlang der Mündung des Rio Ozama. Wir kommen zu einer einfachen
Ponton-Brücke und überqueren den Rio Ozama. Auf der anderen Seite der Brücke
weist mich Geanil an, links abzubiegen. Ich halte kurz an, runzle meine
Stirn und verlange von ihr eine Bestätigung: Ganz links? Also auch links
von der in der Strassenmitte liegender Insel? „Ja“, meint sie
unbeeindruckt. O.K., kein Problem: ich fahre über einen riesigen weissen
Pfeil, der in die Gegenrichtung weist! Wieder habe ich etwas gelernt, was
ich aber bis zu unserer Rückkehr in die Schweiz aus Sicherheitsgründen
schleunigst wieder aus meinem Gedächtnis streichen muss. Es klingt
paradox, aber das vorschriftswidrige Fahren bringt uns tatsächlich auf
die richtige Strasse. Diese führt nun rechts des Rio Ozama flussaufwärts
und schlängelt sich für etwa einen Kilometer durch ein unbewohntes Wald-
und Sträuchergebiet. Es könnte aber auch einfach eine Müllhalde sein.
Das ist wirklich ein hässliches Gesicht von Santo Domingo. Kurz
darauf sind wir wieder inmitten des Stadtverkehrs. Das Lied mit dem
Refrain „Un, dos, tres“ tönt zum wiederholten Mal aus den
Autolautsprechern. Geanil zeigt nach links und schon habe ich die Aufgabe
am Hals, eine drei- oder vierspurige Fahrbahn zu überqueren. Das gelingt
mir zwar, aber auf der anderen Seite ist die Strasse blockiert. Ich
verstehe nicht, was da abgeht: Drei oder vier Autos parken auf der
Fahrbahn, andere stehen dahinter und hupen. Ein Polizist springt wild um
sich fuchtelnd zwischen den Autos herum. Der vorderste Wagen fährt weg,
ein anderer schliesst sofort die Lücke und bleibt dort als neues
Hindernis stehen. Derweil fuchtelt der Polizist auf der anderen
Strassenseite rum. Ich schaue dem Treiben zu und warte gelassen ab, wie es
weitergeht. Irgendwie hat mich die karibische „Isch-scho-guet“-Mentalität
erfasst und ich weiss: heute
irgendwann werden wir unser Patenkind Christina trotzdem treffen. Nach
etwa vier oder fünf Minuten geht es langsam weiter. Die Strasse – es
ist die Sabana Larga - weist immer mehr Löcher und Rinnen auf. Auch
aufgrund der vielen Autos geht es nur langsam vorwärts. Geanil erklärt,
dass dies die einzige durchgehende, nach Norden führende Strasse sei. Wir
kommen auf eine Art Viadukt, der ein Flusstal überquert. Entlang des
Flussufers sehen wir die Slums von Santo Domingo. Von hier oben ist
allerdings nur ein einziger Deckel aus Blech-, Holz- und Strohdächern zu
erkennen. Farbenfröhlich und aus der Distanz ungefährlich wirkend.
Geanil erklärt uns, dass die Regierung sich immer wieder bemühe die
Bewohner der Slums zu resozialisieren und umzusiedeln. So würden ihnen
etwa Appartements angeboten, doch die Slumbewohner verkauften dann alles,
was nicht einbetoniert ist und zögen dann wieder zurück in die Slums. Es
ist eine grosse, über Generationen hinweg dauernde Aufgabe, die Denkweise
der armen Bevölkerung zu ändern. Die Gegend wirkt nun mit jedem
Kilometer ärmlicher. Shops aller Art, Autogaragen und andere Werkstätten
säumen die Strasse. Es ist heiss, die Klimaanlage läuft unter Volllast.
Rechts steht ein Mann vor einem Amboss und versucht mit einem riesigen
Hammer lange krumme Armierungseisen in eine gerade Form zu hämmern. Nur
eine von vielen Szenen, die an ein vergangenes Jahrhundert erinnert. Die
Strasse wird noch schlechter und ist kaum mehr befahrbar. Eigentlich ist
es eine Ansammlung von Löchern mit ganz
wenig Strasse drum 'rum. Es ist höchste Konzentration gefragt – und das bei Schritttempo!
Die Strasse ist jedoch noch lange gut genug, um Handel zu betreiben:
Ein paar Autos weiter vorne halten zwei Schrotthaufen; vermutlich war der
eine mal ein Toyota Corolla, der andere eher ein Honda Accord, bei dem
jetzt aber die Türen etwas schief im Rahmen hängen. Augenblicklich
kommt wir wieder der TV-Spot mit dem selbstgezimmerten Peugeot 206 in den
Sinn. Genau so sehen hier viele Autos aus. Interessanterweise
funktionieren aber bei allen die Hupen einwandfrei. Vermutlich ist die
Hupe das Kriterium, ob ein Auto noch fahrbar, oder Schrott ist. Geanil
verspricht uns, dass diese Strasse in einem Jahr wie neu aussehen werde,
denn es stünden Regierungswahlen an und die aktuelle Regierung wolle sich
so die Stimmen der armen Bevölkerung sichern. Aber was hilft das uns?
Ein
paar Minuten aus dem Wagen gestiegen, überfällt uns die feuchte Hitze.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal einen Hyundai vermisse würde,
doch schon sehne ich mich nach der Klimaanlage des Autos. Geanil stellt
uns die Leiterin des lokalen Büros vor. Hier werden alle Daten und Fotos
der Patenkinder erstellt und verwaltet. Eine bestimmt sehr aufwändige
Arbeit; entsprechend chaotisch sieht es im Büro aus. Als dann aber eine
Mitarbeiterin mit einem einzigen Handgriff Christinas Unterlagen aus dem
Chaos zieht, ist mein Vertrauen in die dominikanische Arbeitsweise wieder
hergestellt. Die Kinder besuchen die öffentlichen, aber von World Vision
unterstützten Schulen. World Vision verfügt also nicht über einen
eigenen Schulbetrieb, bietet aber ergänzende Ausbildungen, wie Musik-,
Tanz- oder Malunterricht. Es stehen hier eine Bibliothek und
Kopiergeräte zur Verfügung. Da sich die Bevölkerung in diesem Stadtteil
keine Bücher leisten kann, werden viele Lernmittel kopiert. In einem Raum
stehen etwa zehn mehr oder weniger neue Computer - laut Melanie die selben
wie in der Berufsschule Aarau - mit denen die Kinder hier in Windows und
die Office-Programme eingeführt werden. Bill Gates ist überall... Die
Hitze macht mir sehr zu schaffen. Da nützt es auch nicht viel, dass ich
im Schatten stehe. Aber weshalb stellt man uns Christina nicht vor? Geanil
teilt uns mit, dass wir noch auf die Betreuerin von Christina warten würden,
welche uns beim Besuch in der Schule begleiten wolle. Tja, die mit dem
roten T-Shirt ist in diesem Falle nicht Christina, jedenfalls nicht
"unsere" Christina. Man bietet mir höflich einen Stuhl an. Ich
sehe vermutlich so von der Hitze gezeichnet aus, als ob ich gleich
zusammenbrechen würde. Nein, stehen ist kein Problem, es ist nur die
Hitze, die mein Hemd mehr und mehr nässt. Die Betreuerin, nennen wir sie
Rosalia, trifft ein. Wir können uns glücklich schätzen, einen Minibus
zu haben, denn inzwischen sitzen acht Personen in unserem Hyundai. Rosalia
setzt sich neben mich. Sie spricht kein Wort Englisch und deutet mir mit
Handzeichen den Weg. Das hat sie allerdings auch nicht ganz im Griff und
korrigiert innerhalb einigen hundert Metern zweimal die vorher angezeigte
Richtung um uns dann in die Gegenrichtung zu weisen. Nach etwa zwei
Kilometern kommen wir zur x-ten Kreuzung. Rosalia zeigt geradeaus. Ich
vermute stark, dass dies ihre dritte Fehlanzeige ist: ich sehe zwar weiter
vorne links und rechts Häuser stehen, aber das, was dazwischen liegt kann
nicht als Strasse, sondern muss als ausgetrocknetes Flussbett bezeichnet
werden. Um dorthin zu gelangen, müsste ich gleich zu Beginn eine Art
wasserlose Fuhrt durchqueren, was sogar mit dem hochbeinigen Bus kaum
gelingen könnte. Rosalia bleibt aber dabei: geradeaus! Nun ja, wer will
denn schon einer jungen Dominikanerin wiedersprechen? Ist ja nicht mein
Auto. Erstaunlicherweise glückt die Durchquerung der Fuhrt und ich
erreiche das Flussbett, welches sich zum Glück nach hundert Metern wieder
in eine Strasse verwandelt. Nach zweihundert Metern stehen wir
schliesslich vor der Schule und parken unser Fahrzeug. Ich schliesse es
ab. Wir haben unser Ziel nach etwa sechs Stunden erreicht!
Die Schule „Colegio Andres Bello“ hinterlässt einen für diese Gegend äusserst gepflegten Eindruck, sie ist jedoch rundum vergittert und abgeschlossen. Dass die Gitter farbig gestrichen sind ändert nichts an meinem Eindruck, dass hier offenbar gewisse Sicherheitsmassnahmen nötig sind. Wir betreten den ockerfarbig gestrichenen Vorraum und werden von der Schulleiterin begrüsst, die ihren Arbeitsplatz in einer Nische rechts vom Eingang hat. Dort hängen einige Bilder mit Männerköpfen. Ob es Andres Bello oder Regierungsmitglieder oder einfach Verwandte der Schulleiterin sind, bleibt für uns wohl für immer im dunkeln. Die Leiterin ist etwa sechzig Jahre alt, hat graue, gepflegte Haare und macht auf mich einen durchaus strengen Eindruck. Der Boden ist aus Beton, ein schmaler, düster wirkender Gang führt zu den Schulzimmern. Rechts ist die Toilette und danach gleich der Eingang in ein eng bestuhltes Schulzimmer, in dem sich etwa 10- bis 12-jährige Mädchen und Knaben aufhalten. Alle in Schuluniform: weisses Hemd und blaue Hosen, beziehungsweise blauer Rock. Die Jungs, teils in hellblauen, teils in dunkelblauen Jeans, wirken schon beinahe bunt. Geanil begrüsst die Klasse und bitten diese, uns – die Gäste aus Europa - zu begrüssen. Was nun folgt erinnert mich an amerikanische Spielfilme, in denen eine Schar SoldatInnen auf Kommando aufsteht und ein „good afternoon Sir“ schreit. Danach nehmen die Schüler wieder Platz und wir drängeln uns durch den schmalen Gang zu den beiden hinteren Schulzimmern. Der Begrüssungsvorgang wiederholt sich. Natürlich nicht mit „good afternoon“, aber einem „Bienvenidos ....“ oder so. Das Schulzimmer ist gelb und hellblau gestrichen, das Licht fällt durch ein vergittertes, an ein Gefängnis erinnerndes und zum Innenhof gerichtetes Fenster. Die Lehrerin sitzt vorne rechts in der Ecke. Die etwa fünfundzwanzig Kinder sitzen auf verschieden farbigen Stühlen, an denen vorne eine Schreibfläche in der Grösse von zwei A4-Seiten angebracht ist. Während ich im Klassenraum Christina suche, erzählt Geanil offenbar, wer wir sind und was wir hier tun. Sie stellt der Klasse die Frage – ja, soviel habe ich verstanden – „wer weiss, wo die Schweiz liegt?“. Sicher jedes dritte Kind hebt die Hand und schreit: „Yo“! Die Lehrerin lacht und schüttelt den Kopf. Offensichtlich ist die Schweiz im Geografieunterricht kein Thema.
„Wo
ist Christina?“ fragt nun Geanil. Ein Mädchen mit Pausebacken in der
hintersten Reihe steht auf und schaut etwas kritisch zu uns. Sie kommt nun
nach vorne, begrüsst uns und muss sich, mit uns zusammen vor der Klasse
stehend, fotografieren lassen. Das scheint ihr, aus welchen Gründen auch
immer, allerdings Spass zu machen, strahlt sie doch mit der karibischen
Sonne um die Wette. In der Zwischenzeit ist unbemerkt
Christinas Mutter zu uns
gestossen. Wir sagen „Hallo“ und gehen zusammen mit Christina und
ihrer Mutter, sowie den drei Mitarbeiterinnen von Vision Mundial in den
Vorraum. An der Wand hängen zwei grosse Micky-Maus-Figuren aus Plastik.
Wir nehmen alle auf den kleinen Stühlen Platz. Es passt eigentlich nicht
hierher, aber Melanie sagt genau in diesem Moment, dass ich sie mit meinen
halb-langen Hosen an einen „Behinderten“ in ihrer Schulklasse
erinnere; was für ein Gedankensprung! Wir erhalten nun die Gelegenheit,
Fragen an Christina und an ihre Mutter zu richten. Geanil übersetzt ins
Spanische und wieder zurück. Aufgrund
des bisher Erlebten fühlen wir uns alle irgendwie geschafft und müde;
unsere Fragen fallen deshalb nicht wirklich kreativ aus. Wir erfahren
dennoch, dass Christina aussergewöhnlich gerne zur Schule geht, viel und
fleissig lernt, gerne zeichnet, eine kleine Schwester hat und hier in der
Nähe wohnt. Die Gespräche wären bestimmt noch eindrücklicher und
einfacher, könnten wir sie in Spanisch führen.
Wir
haben ein paar Geschenke mitgebracht, uns dabei aber an die Empfehlungen
von World Vision gehalten. Wir überreichen die Geschenke an Christina.
Sie sitzt gespannt auf ihrem kleinen Stuhl und versucht nun, das Paket zu
öffnen. Die Situation würde an Weihnachten erinnern, wäre da nicht die
Tatsache, dass es bei einer Luftfeuchtigkeit von gegen hundert Prozent über
dreissig Grad heiss ist. Mit Freude entnimmt Christina dem Paket ein hübsches Sommerröckchen, welches selbst die anwesenden Damen zu entzücken vermag. Es passe einfach wunderbar zu Christina, meinen sie. Christina erhält noch weitere nützliche Geschenke, wie etwa eine Zeichnungsmappe, Blätter zum Ausmalen und viele Stifte. Auch für die Mutter haben wir einige nützliche Artikel mitgebracht. Christina steht auf und läuft auf mich zu, während Geanil erklärt, Christina wolle sich bei uns bedanken. Unser Patenkind umarmt mich, was nicht schwierig ist, da ich auf dem winzigen Stuhl praktisch auf dem Boden sitze, und gibt mir einen dicken Kuss. Das wiederholt sie mit einer erfrischenden Herzlichkeit bei der ganzen Familie.
Die
Mutter bedankt sich herzlich für unsere finanzielle Hilfe. Dank unserer
Unterstützung, so sagt sie, könne Christine hier die Schule besuchen und
auch die medizinische Versorgung ihres Kindes sei damit gewährleistet.
Ich bestätige, dass wir weiterhin mit Freude unsere Patenschaft
aufrechterhalten werden. Diese fünfundvierzig Franken im Monat – so
denke ich – sind gut eingesetzt und können bei uns an einem anderen Ort
eingespart werden; vielleicht am Sonntag: Brot statt Butterzopf? Jetzt ist
es Zeit für eine Foto-Session. Ich öffne das Gittertor und wir stellen
uns alle vor dem Eingang der Schule auf.
Zuerst knipst Iris einige Fotos, dann versucht es auch Geanil. Langsam
wird Christina etwa ungeduldig, sie möchte wieder am Unterricht
teilnehmen. Wir verabschieden uns von ihr.
Nun
verabschieden wir uns auch von der Mutter und der Schulleiterin. Wir
fahren den kurzen Weg zurück zum lokalen Projektbüro. Dabei fahren wir
zum ersten Mal an zwei Jungs mit einem Skateboard vorbei, was Melanie zu
einem Freudenschrei verleitet. Wo die wohl ihr Board und mit welchem Geld
gekauft haben?
Hier,
wo dieses Foto entstand, kommen wir nun zurück auf die
„Hauptstrasse“. Ich hoffe, dass „Banca“ irgend etwas anderes als
Bank heisst. Auf der grossen Tafel gleich nebenan steht „Auto repuestos“,
was die Hoffnung nährt, dass hier die Banken nicht so aussehen. Etwa
hundert Meter weiter vorne liegt auf der linken Strassenseite das lokale
Projektbüro von Vision Mundial. Vor dem Büro muss ich den Wagen wenden;
das dauert etwa so lange, wie im Feierabendverkehr von Zürich, wenn dort
gleichzeitig das Tram, Taxis, Fussgänger und die Feuerwehr unterwegs
sind. Die Betreuerin Rosalia und die Leiterin des Büros verlassen
fluchtartig das Fahrzeug (he, ich bin doch total cool gefahren!) ohne sich
richtig zu verabschieden. Wir winken den Beiden zu und machen uns mit
Geanil auf den Rückweg. Während
der Fahrt sprechen wir über die Eindrücke des Besuches. Ich übersetze
hin und zurück, während ich gleichzeitig wieder meine ganze
Konzentration benötige um im aufkommenden Feierabendverkehr nicht in eine
Streifkollision verwickelt zu werden. Wir kommen an eine grosse Kreuzung.
Geanil meint, wir würden nun besser einen anderen Weg fahren und bittet
mich, links abzubiegen. Jetzt müsst Ihr einfach mal innehalten und
versuchen, euch die Situation vorzustellen: Wir befinden uns auf einer
vierspurigen Strasse, die nun eine sechsspurige kreuzt. Wie Ihr inzwischen
wisst, heisst vierspurig aber sechsspurig und sechsspurig eben achtspurig.
Und ich muss links rüber!? Und es hat weder eine Ampel, noch einen
Polizisten, der den Verkehr regeln könnte (wäre auch sinnlos), noch
irgend eine Markierung (wäre auch sinnlos) die einem das Einspuren
erleichtern würde. Dank meiner Unerschrockenheit stehe ich recht schnell
in der Mitte der Kreuzung und versuche nun, mich zu orientieren, wer hier
nun eigentlich wo in welche Richtung fährt. Melanie, sonst eher zurückhaltend
in der familiären Kommunikation (vor allem, wenn diese nichts mit
„ihrer“ Musik zu tun haben) ruft entzückt: „Wow, ist das geil hier,
die reinste Anarchie!“. Längst stressen mich solche Herausforderungen
nicht mehr. Die
Verwunderung bleibt allerdings gross und ich frage Geanil – als ich
wieder fahren kann – ob denn die Autofahrer hier über eine Fahrlizenz
verfügen würden. „Ja natürlich“, mein sie, „die ist günstig zu
kaufen“. Nach einer Denkpause stelle ich die logische Anschlussfrage, ob
denn hier die Polizei irgendwelche Bussen ausspreche? „Ja, dass kann es
geben“, erklärt sie, doch werde dann in der Regel ein Trinkgeld rübergeschoben
und die Sache sei erledigt. Ich sage voreilig etwas von
"Bananenrepublik" und bin mir dann nicht sicher, ob das Geanil
vielleicht in den falschen Hals gekriegt hat, schliesslich ist sie Bürgerin
dieser (Bananen-) Republik. Wir kommen recht zügig voran, der eingeschlagene Weg scheint gut gewählt zu sein. Wir befinden uns nun auf einer mehrspurigen Zufahrtsstrasse zur Innenstadt. Auf der Spur ganz links hat es wiederholt Schächte mit Deckel drauf. Offensichtlich wurde die Strasse schon mehrere Male neu geteert, wobei aber die Schachtdeckel immer auf der gleichen Höhe blieben. Die so entstandenen, etwa fünfundzwanzig Zentimeter tiefen Löcher, sind an der Oberkante mit gelber Farbe markiert, daher gut sichtbar und auch bei zügiger Fahrt einfach zu umfahren. Weiter vorne wird es allerdings kritischer: Auf einer der mittleren Spuren hat es unmarkierte Schächte, bei denen – ich schwör's vor allen möglichen Geistern – einfach die Schachtdeckel fehlen! Tiefe Löcher, ja für eine Radachse geradezu Schluchten, öffnen sich alle fünfzig Meter - unfassbar! Der Gedanke, dass ich hier auf der Avenida las Americas die Achse unseres Mietwagens liegen lassen könnte, lässt mich erschaudern. Glücklicherweise habe ich nun schon ein paar Stunden Erfahrung im Löcher Erkennen und Umfahren. Wir kommen an eine weitere Kreuzung, dort, wo das „MEGA Centro“ liegt, das grösste Einkaufszentrum der Dominikanischen Republik. Ich stehe auf der dritten von vier Spuren. Vor mir sind zwei Autos. Sobald wir stillstehen umringen uns Verkäufer, die uns verschiedene Waren andrehen wollen, um sich dann, sobald die Ampel auf grün schaltet, gleich wieder zu verziehen. Ein leichtes Kopfschütteln genügt, so die bisherige Erfahrung, um unbehelligt zu bleiben. Das gilt auch für die Amigos, die sich anbieten, Frontscheiben zu reinigen. Einer dieser Freunde kommt leicht tänzelnd auf uns zu und klatscht uns einfach sein feuchtes Leder auf die Frontscheibe: Platsch, da klebt es. Blitzschnell überlege ich mir, was tun ist. Oh, mit dem Leder auf der Frontscheibe werde ich wohl nicht einfach weiterfahren können. Also werde ich unserem Amigo einfach schnell ein paar Pesos rüberschieben. Die Ampel schaltet auf grün. Ich greife in meine Brusttasche und ziehe einen Zwanzig-Peso-Schein raus. Der Amigo sieht das. Seine Augen glänzend wie an Heilig Abend die Weihnachtssterne, während er geradezu auf der breiten Frontscheibe klebt und diese wie wild zu reinigen beginnt. Die Autos vor mir sind bereits losgefahren, links und rechts geht's ebenfalls los, hinter mir hupt es -und ich stehe da, mit einem auf der Frontscheibe klebenden Amigo. Ich sehe irgendwie schwarz, und das darf man ruhig wörtlich nehmen. Ich lege den ersten Gang ein und öffne das Seitenfenster. Nach elend langen Sekunden schnappt sich der Amigo das Geld und ich fahre los, im Rückspiegel vergewissere ich mich, ob er jetzt nicht dabei ist, die Heckscheibe zu putzen. Wieder ermahne ich mich selbst, gefälligst auf die fehlenden Schachtdeckel zu achten. Geanil klärt mich darüber auf, dass die Scheibenklatscher für ihre Dienste normalerweise zwei, drei oder maximal fünf Pesos erhalten. Für meine zwanzig Pesos hätte uns der Amigo bestimmt die Scheiben auch während der Fahrt geputzt. Nebenbei: Zwanzig Pesos sind etwa siebzig US-Cents oder etwas mehr als ein Schweizerfranken. Wir überqueren wieder den Rio Ozama und fahren auf der Avenida 27 de Febrero, einer richtungsgetrennten Hochstrasse, nach Westen. Ich frage Geanil, ob der 27. Februar ein dominikanischer Feiertag sei. "Ja", sagt sie, "der Unabhängigkeitstag". Hm, auf der anderen Flussseite gibt es die Avenida 25 de Febrero: kam dort die Unabhängigkeit zwei Tage früher? Nach dem Fehlschlag mit der Bananenrepublik verkneife ich mir diese Frage. Wir nehmen eine Abfahrt von der Hochstrasse und sind in wenigen Minuten beim nationalen Büro von World Vision. Kurz zuvor passieren wir ein im Volksmund „Pinkhaus“ genanntes Regierungsgebäude. Es ist architektonisch dem Weissen Haus ähnlich, aber eben in einem rosa Farbton. Noch im Wagen füllen wir einen Fragebogen von World Vision aus. Ich bin zu müde um die Fragen detailliert zu beantworten, verspreche aber, später ein detailliertes Feedback zu geben. Was mit diesem Bericht hiermit, irgendwie, so mehr oder weniger erledigt ist. Iris empfiehlt mir,
Geanil nach dem Weg zum gebuchten Hotel Mercure zu fragen. Ich sage ihr,
dass dies nicht nötig sei, schliesslich könne ich auf der Karte
erkennen, dass der Weg nun wirklich einfach zu finden ist: wir müssten
nur der Cesar Nicolas Penson folgen, bis wir zur Avenida 30 de Maryo
(Anm.: hier kam die Unabhängigkeit wohl noch etwas später) kämen, dann
rechts hinunter und wieder links in die Calle del Conde, wo unser Hotel
liegt. Das ist zumindest die Theorie gemäss Stadtplan im Touristenführer.
Ich tippe auf zehn Minuten Fahrzeit. Um aus einer langen eine kurze
Geschichte zu machen: nach einer geschlagenen Stunde gebe ich es auf,
weiter nach dem Hotel zu suchen... Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir
das Hotel mehrmals umkreist haben, können es aber trotzdem nicht finden.
Auch die ausführliche Erklärung einer Politesse, die ihren graziösen
Handbewegungen nach zu schliessen weiss, wo das Hotel liegt, bringt uns
dem (nahen) Ziel nicht näher. Nach einer zehnminütigen Rundreise sind
wir wieder am Ausgangspunkt - und irgendwie froh, dass die Politesse nicht
mehr hier steht. Ich überlege mir, ein Taxi als Vorfahrer zu chartern,
kann aber nirgends eines sehen. Etwas weiter vorne halte ich an, drehe die
Scheibe runter und mache ein verzweifelt fragendes Gesicht. Es wirkt: Ein
älterer Herr kommt zu uns und fragt, ob er uns helfen könne. Jedenfalls
vermute ich, er habe uns das gefragt. Eigentlich kann er gar nichts
anderes gefragt haben. Bestimmt hat er nicht gefragt, ob wir unseren
Hyundai lieber gelb lackiert haben wollen. „Hotel Mercure!“, sage ich
mit immer noch fragendem Blick. Sein Versuch, uns den Weg zum Hotel zu
erklären, quittiere ich mit einem unverändert verzweifelten
Gesichtsausdruck. Er sieht meine Hoffnungslosigkeit und hat nun die selbe
Glanzidee, die ich kurz zuvor hatte: Ein Taxi! Ich nicke ihm
anerkennend zu während sich mein Gesicht aufhellt. Der nette Mann deutet
uns, gefälligst hier zu warten und springt los. Nach zwei Minuten haben
wir unseren Taxi. Taxi? Ach ja hier, das gelbe Taxi-Schild deutet schwach
darauf hin. Die Autofarbe rostrot ist eine perfekte Tarnung für den
Zustand seines Toyota. Trotzdem: wir sind erleichtert und folgen dem
jungen Mann. Jedes Mal wenn wir links abbiegen müssen, streckt er seinen
Arm aus dem Fenster; erst beim zweiten Abbiegen bemerke ich, dass er links
gar keinen Blinker hat. Er macht seinen Job aber einwandfrei. Im Nu
erreichen wir unser Hotel und wundern uns, dass wir diese eine Strasse nie
ausprobiert haben. Ich gebe dem Fahrer fünf Dollar, was ihn
offen-sichtlich befriedigt und in motiviert, weiterhin für uns tätig
sein zu dürfen. Er offeriert mir deshalb ein paar Stadtrundfahrten und
mehr. Ich bedanke mich und verspreche, bei Bedarf bei ihm am nahegelegenen
Hafen vorbeizukommen. Wir beziehen unsere Hotelzimmer, duschen (juhu!) und
ruhen uns vorerst eine Stunde aus. Diese Zeit des
Ausruhens will ich dazu benützen, um hier etwas klarzustellen. Mich
nerven aufdringliche Verkäufer, seien es solche, die Waren oder solche,
die Dienstleistungen anbieten. Ich bin sehr freiheits-liebend und treffe
meine Entscheidungen gerne selber, und nicht aufgrund von mehr oder
weniger sachten Druckversuchen. Ich wurde auch definitiv nicht dazu
geboren, durch Shopping-Meilen zu flanieren. Dazu kommt, dass ich nicht
gerne grosse, mir unbekannte Städte besuche. Ausnahmen sind da Oslo,
Kopenhagen und San Diego. Die genannten Städte kenne ich von mehrmaligen
und/oder längeren Aufenthalten wie meine Westentasche und fühle mich
dort wohl oder gar ein wenig wie Zuhause. Nun, die oben genannten, in mir
Unbehagen auslösenden Faktoren, kumulieren sich hier in Santo Domingo so
stark, dass ich nicht um die Aussage komme; Es gefällt mir hier nicht
besonders gut. Das musste zwischendurch mal gesagt werden. Die Ruhepause
ist vorbei. Unsere lokale
Reiseleiterin in Punta Cana hat uns vorgeschwärmt, hier, in der Altstadt
von Santo Domingo, der Zona Colonial, gäbe es viele hübsche Restaurants
und Kneipen. Wir spazieren also die Fussgängerzone, die Calla del Conde,
hinauf und wieder hinunter, in der Hoffnung, eines dieser hübschen
Restaurants zu finden. Wir sehen allerdings nur Fastfood-Buden,
Take-away's und einige billige Kneipen. Ich bin zu müde und zu hungrig für
weitere Experimente, sodass wir auf mein Drängen hin wieder zurück zum
Hotel spazieren: darin befindet sich ein internationales Restaurant. Das
Essen ist ausgezeichnet, den Durst löschen wir mit reichlich Coke, Sprite
und Bier. Beim Bezahlen der Rechnung bin ich erstaunt, dass wir für
unsere fünfköpfige Familie gerade mal Fr. 42.- zu bezahlen haben. Und
dies inklusive eines angemessenen Trinkgeldes. Wäre es etwas näher, würden
wir jede Woche einmal hier Essen gehen. Nun ist es Zeit, schlafen zu
gehen. Ein unvergesslicher Tag geht zu Ende. Zum Glück müssen wir nicht
alle Eindrücke bereits in dieser Nacht verarbeiten.
Heute
Mittwoch Morgen steht nun also die Rückreise an. Erneut erwarten uns vier
Stunden Autofahrt. Am liebsten würde ich gleich losfahren um die Rückfahrt
hinter mich zu bringen. Nicht mehr die Fahrt als solches, aber die Möglichkeit
einer Panne oder einer Streifkollision verursachen trotz der inzwischen
gewonnenen Routine eine leichte innere Unruhe. Nachdem ich geprüft habe,
ob unser Hyundai noch vor dem Hotel steht, frühstücken wir gemütlich.
Leider habe ich gestern Abend versprochen, dass wir heute noch ein wenig
shoppen gehen würden. Man ist schliesslich kompromissbereit. Beim
Verlassen des Hotels werden wir sofort angesprochen, ob wir ein Taxi benötigen.
Natürlich nicht, sonst würden wir ja eines besteigen. Ich zeige auf
unseren Minibus und sage in englischer Sprache, dass ich später dann
selber fahren werde. Beim Vorbeispazieren sehe ich, dass beim linken
hinteren Reifen etwas Luft fehlt. Ob das schon immer so war? Oder verliert
der Reifen nun kontinuierlich Luft? Diese Frage begleitet mich beim
Spaziergang auf der Calla del Conde, zumindest so lange, bis wir von einem
lokalen „Reiseführer“ angesprochen werde. Er zeigt uns so etwas wie
eine offizielle Marke und will uns die Schönheiten der Stadt erklären.
Da wir erstens keine Zeit dafür haben und ich zweitens aufdringliche
Menschen nicht leiden kann, erkläre ich ihm, dass wir gleich seine schöne
Stadt verlassen würden. An diesem Punkt zeigt er sein wahres Interesse
und versucht, uns mit allen Mitteln in den nahe gelegenen Touristenshop zu
lotsen. Aufgrund der Sprachkenntnis all dieser Reiseführer, Strassen- und
Strandverkäufer, kann man gut erkennen, welche Touristen interessante
Kunden, beziehungsweise dankbare Opfer sind: Amerikaner und Deutsche! Do
you speak English? Sprechen sie
Deutsch? Oder auch mal: Kommen du aus Schwiiz? Ich wünschte mir, ich könnte
lügen. „Jeg snakker bare norsk“, wäre ein möglicher Schwindel. Mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit spricht hier keiner
norwegisch. Iris
schiesst einige Fotos und wir spazieren wieder die Fussgängerzone hoch um
in einem Laden einige Schmuckstücke für die Kinder zu kaufen. Diese, so
stellen wir fest, kosten nur einen Bruchteil von dem, was man dafür am
Strand von Punta Cana zahlt. Das Taschengeld ist hier also gut investiert.
Iris
möchte zwar gerne noch den einen oder anderen Shop besuchen (bestimmt würde
sie hier den ganzen Tag gut überleben) doch zum Glück bekomme ich
unerwartet Schützenhilfe von den Kindern, die wie ich gerne nach Punta
Cana zurück fahren möchten. Wir gehen deshalb wieder zum Hotel, checken
aus und besteigen unseren blauen Hyundai. Ich prüfe nochmals das linke
Hinterrad und stelle beruhigt fest, dass sich der Luftdruck nicht verändert
hat. Er ist nicht optimal, aber in Ordnung. Selbstverständlich habe ich
meine kleine Karte genau studiert, damit ich wieder aus der Stadt
herausfinde. Obwohl
ich – wenn auch unfreiwillig - bereits einige Runden in der Stadt
gedreht habe, bin ich mir aufgrund meines doch recht guten
Orientierungssinns sicher, den richtigen Weg zu finden. Vielleicht nicht
gleich auf Anhieb, aber früher oder später bestimmt. Mein Plan geht auf:
Ich finde die Brücke über den Rio Ozama und fahre in südlicher
Richtung. Endlich sehe ich an einer Strassenteilung ein etwas
zerknittertes Schild, welches zum Aeropuerto weisst. Ich befolge diesen
Hinweis und gerate in einen ärmlichen Stadtteil, durch den wir – und da
bin ich mir ganz sicher – auf der Hinreise nicht gefahren sind. Die
Strasse führt leicht aufwärts und schlängelt sich durch die Häuserreihen.
Die Himmelsrichtung stimmt und ich folge der Strasse, obwohl ich mich nach
der Autobahn sehne, die hier irgendwo sein muss. Die Strasse führt nun
schnurgerade durch die Gegend und verliert sich in der Ferne. Wir kommen
an eine Ampel. Es ist die Ampel, zu der wir zwanzig Minuten später - nach
unserem eingangs erwähnten Erlebnis mit der Militärpolizei – wieder
zurückkehren werden. Schlussteil: Nun,
wir befolgen die Empfehlung der "Obrigkeit", fahren nach links -
und ich kann – Gott sei Dank – weit unten das Meer erkennen. Mein Hirn
meldet das Resultat seiner Kombinationskunst: Wir sind hier, das Meer ist
dort, die Autobahn führt entlang dem Meer - juhu, da unten ist die
Autobahn! In der Tat: sogar ein Wegweiser zeigt rechts nach Santo Domingo
und links zum Flughafen. Ich entscheide mich, NICHT in Richtung Santo
Domingo zu fahren. Zuerst führt eine Brücke über die Autobahn und dann
eine Strasse in einem Kreis runter auf sie zu. Unter der Brücke eine
Bushaltestelle: Vielleicht vierzig Personen mit viel Gepäck, Busse und
Autos stehen hier und es herrscht ein emsiges Ein-, Um- und Aussteigen.
Scheint eine Art Busbahnhof zu sein, hier an der Autobahn. Ich
beschleunige, wähle mir eine Fahrspur aus und entspanne mich. Auch
unsere drei Kinder machen sich’s im Wagen bequem, lassen alle Sitze
runter und dösen vor sich hin.
Wir
fahren am internationalen Flughafen vorbei und dann den uns jetzt
bekannten Weg in Richtung La Romana und Higũey. Es herrscht wenig
Verkehr und das einzig Erwähnenswerte ist ein auf der Überholspur
liegendes Eisenprofil, das einen Autoreifen wohl bestimmt aufschlitzen könnte.
Aber was heisst da Überholspur? Beide Spuren sind Überholspuren; hat
man die Spur einmal gewählt, bleibt man dort, bis man erneut überholen
muss. Praktisch, einfach, sicher! Rechts
von uns, gegen das Landesinnere hin, ist der Himmel pech-schwarz, vor uns
in Fahrtrichtung, hat es allerdings nur ein paar vereinzelte Wölkchen.
Zwei Mal sehe ich einen Blitz, der aus heiterem Himmel zur Erde fährt.
Ein dumpfes Grollen begleitet dieses Phänomen. Und ich dachte immer der
Begriff In
La Romana decken wir uns nochmals mit Getränken ein und fahren weiter in
Richtung Higũey. Der Himmel hat sich in der Zwischenzeit vollends mit
schwarzen Wolken überzogen. Iris macht sich Sorgen, dass das
Fotografieren der Zuckerrohrfelder nicht gelingen könnte. Ich wende ein,
dass auch Fotos mit dem Hintergrund schwarzer Wolken schön sein können.
Zudem bin in der Ansicht, ein Zuckerrohrfeld sehe sowieso langweilig aus,
egal, ob der Himmel dahinter blau oder schwarz ist. Er ist schwarz.
Kurz
darauf beginnt es zu regnen. Als wir Higũey erreichen, regnet's noch
immer, was zumindest den Vorteil hat, dass ein paar Roller weniger die
Strasse verstopfen. Es herrscht eine eigenartige Stimmung in der Stadt.
Ich kann nicht erklären wieso. Am Stadtrand angekommen, regnet es derart
heftig, dass man an eine Sintflut denkt. Gerne würden wir in einen
grossen Souvenirshops gehen; wir fahren vor, doch es ist kaum möglich,
das Auto zu verlassen: Es regnet nicht nur, es kübelt. Einige Jungs
stehen unter dem Vordach und können nicht verstehen, was wir hier im Auto
sitzend tun. Fünf Minuten sind vergangen und noch immer ist keine
Besserung in Sicht. Ich versuche nun, das Auto so hinzustellen, dass die
Familie mit einem Sprung in den Laden hüpfen kann. Der Shopbesitzer
riecht fette Beute und will uns dabei helfen. Dazu nimmt er ein grosses
Gemälde – bemalte Seite nach oben – und benützt es wie ein
Regenschirm. Womit bewiesen wäre, dass einige Maler wasserfeste Farbe benützen.
Als Regenschutz trage ich lediglich eine blaue Baseball-Mütze mit der
Aufschrift "Eurocard". Diese erweckt bei den Jungs grosses
Interesse - schwups, und schon habe ich sie verschenkt. Der etwa 11-Jährige
zeigt riesige Freude und seine fünf Kumpels versuchen nun auch, etwas von
mir zu erhalten. Derjenige mit der Eurocard-Mütze deutet mir aus dem
Hintergrund mit deutlichen Handzeichen an, ich solle den anderen ja nichts
geben. Also! Im
Laden bezahle ich mit Visa. Als ehemaliger Sammler von US-Autonummern, fällt
mir auf, dass es hier bemalte Original-Nummern der Dominikanischen
Republik zu kaufen gibt. Diese Gelegenheit lass ich mir nicht entgehen. Bald
verlassen wir den Shop und die leer ausgegangen Jungs betteln wieder. Ich
habe noch einige Pesos übrig, die ich dem am nächsten Stehenden gebe.
Jetzt muss ich aber schleunigst ins Auto flüchten: zu gierig und zu
aufdringlich werden mir die Jungs. Es regnet noch immer, wenn auch weniger
stark als vorher. Wir fahren in Richtung Punta Cana. Nun wird es immer
heller, je näher wir zum Hotel kommen, schliesslich hört es ganz zu
regnen auf. Noch einmal müssen wir eine dieser Lochpisten hinter uns
bringen, bevor wir die Vermietstation erreichen und dort unseren Hyundai
parken können. Der Vermieter sucht verzweifelt nach neuen Kratzern, kann
aber keine finden. Wir werden
zurück zum Hotel gefahren und lassen uns dort erst mal in den
Swimmingpool fallen, schliesslich scheint jetzt wieder die Sonne. Im
Whirlpool versuche ich dann, das Erlebte zu verarbeiten. Ich bin glücklich,
ohne ernsthafte Probleme die Reise nach Santo Domingo gemeistert zu haben.
Ein ehrlich gemeintes „Gott sei Dank“ ist angebracht. Das Wasser im
Whirlpool blubbert. Jürgen
Rathgeb
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