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Hurtigrute Geo-Bericht
Die schönste Seereise der Welt 

Hurtigrute in der Winterlandschaft Nordnorwegens
Foto by Øyvind Haaland©

Hurtigruten: Reise durch die Jahreszeiten

Frühling auf den Lofoten und Schneeflocken in Kirkenes? Wer mit einem Postschiff der Hurtigruten von Bergen bis hinter das Nordkap unterwegs ist, reist oft im Zeitraffer durch die Jahreszeiten

Mit der MS "Midnatsol" haben endgültig Kreuzfahrtschiff-Qualitäten in die Hurtigruten-Welt Einzug gehalten. Als ich das Schiff in Bergen betrete, stehe ich unvermittelt im Atrium, das vom vierten bis zum achten Deck reicht. Ein gläserner Fahrstuhl hebt mich aufs siebte Deck. Und auch sonst ist alles auf die Ansprüche eines Seh-Fahrers ausgerichtet, bis hin zum Ledersessel im Panoramasaal.

Die MS "Midnatsol" ist das neueste der Hurtigruten-Schiffe. Neun Decks hoch, 135 Meter lang, mit Platz für 1000 Passagiere. Seit 1993 stellen die beiden Reedereien so viele Postschiffe in den Dienst, dass es nunmehr neun Schiffe der so genannten neuen Generation gibt. Zwei gehören zu mittleren. Und eins zählt zur alten: die MS "Lofoten"; 1964 gebaut, ein kleines Schiff. Das nur noch zu bestimmten Zeiten eingesetzt wird, für maximal 410 Passagiere. Es gibt nicht wenig Hurtigruten-Fans, die gerade den alten Schiffen nachtrauern. Die deren spezielle Bordatmosphäre, traditionellen Stil und nostalgisch anmutenden Silhouette vermissen. Auch ich mag die MS "Lofoten".

Ob MS "Lofoten" oder MS "Midnatsol" - eins bleibt unverändert: Die Mischung aus Nah- und Fernverkehr, aus nordischer Meeresbucht-Exotik, einem behüteten Hotel und unglaublichen Aussichten macht die Reise aus. Drei Dutzend Ankünfte und Abfahrten, Verlademanöver mit Fischfuttersäcken, Computern, Autos, Holz und Lebensmitteln. Landgänge in Städten wie Bergen, Alesund und Tromsø. Die Fahrt von Trondheim nach Rørvik über die offene See. Die kleinen Häfen, in denen der Hurtigruten-Koloss die bunten Häuser überragt.

Der Ort Sandnessjoen mit dem Gebirgsmassiv der Sieben Schwestern, das beim nächtlichen Ankern in der Mitternachtssonne zu sehen ist. Oder wenig später die Überquerung des Polarkreises, wenn landeinwärts der Svartisen Gletscher erkennbar wird. Die aus dem Meer aufsteigenden Felswände der Lofoten, die Einfahrt in enge Einschnitte wie den Trollfjord. Bei 18 Knoten Gemächlichkeit überwältigende Augenblicke, die man nicht vergisst.

Dabei habe ich nicht die Seevögel erwähnt, die Blasfontänen der Wale und die grünen Schleier des Nordlichtes, der "Aurora Borealis", im Winter. Und nicht die unbezweifelbaren Fortschritte in der Hurtigruten-Kulinarik bei Frokost, dem Frühstück, Lunsji, dem Mittagessen und Midda, dem Abendessen. Hatte man früher den Eindruck, der Koch sei von einer Uni-Mensa abgeworben worden, wird jetzt Roulade von der Forelle mit Kräuterfarce und geröstetem Spinat serviert.

In Svolvær steigen Studentinnen des Fachs Touristik aus Tromsø zu. Auf Einladung der Fährgesellschaft sollten sie Themenreisen entwickeln. Ideen für Menschen, die nicht die ganze Tour über an Bord bleiben und mehr Action wollen. Die jungen Frauen diskutieren im Panoramasaal, ereifern sich in Arbeitsgruppen: wie wär´s mit einer "Langlaufreise"? Man könnte in Svolvær auf den Lofoten das Schiff verlassen, dort drei Tage auf Skiern von Ferienhaus zu Ferienhaus gleiten, dann das nächste Schiff nach Tromso nehmen. Oder das "Walprojekt", eine Kombination aus Beobachtungssafari und Postschiffreise? Vielleicht bald in einem Veranstaltungsprospekt wiederzufinden.

In langsamer Fahrt schiebt sich die MS "Midnatsol" aus dem Hafen von Kirkenes. Die Berge leuchten in der Sonne. Einige dunkle Wolken ziehen über den Himmel. In der Ferne scheint es zu regnen. Plötzlich aber tänzeln Schneeflocken vor dem Panoramafenster. Typisch für eine Norwegenreise in der Vor- und Nachsaison. Wer dann mit einem Schiff der Hurtigruten unterwegs ist, fährt durch alle Jahreszeiten, legt an einem warmen Spätsommertag in Bergen ab, erreicht Trondheim im Herbst, kommt im Frühwinter auf den Lofoten an, gleitet in Kirkenes durch einen Schneesturm.

Jetzt hat das Schiff gedreht. Ich freue mich auf die Rückfahrt. Gönne mir die Sauna auf Deck 10. Es ist eine Aussichtssauna, der Blick fällt durch eine große Glasscheibe auf diese nie langweilig werdende Küstenlandschaft - auf das silbrig glitzernde Wasser, auf schneebedeckte Felskuppen. Mir wird warm um´s Herz. Eigentlich brauchen die beiden Reedereien kein Studentinnen-Team. Langeweile? Überdruss? Mehr Action? Danke, nein danke.

GEO SAISON 6/2004

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