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Branntweintag

Branntweintag in Norwegen von Gerhard Eckert: Dass auf See gern einer gehoben wird, ist nichts Neues. Als ich das erste mal auf einem Schiff der Hurtigrute gen Norden fuhr, kam in Bodø ein Lofotfischer an Bord. Sicher war er schon nicht ganz nüchtern, als er das Schiff bestieg. Unterwegs aber pichelte er „hurtig“ weiter. So dass er tags wie nachts singend und spektakelnd durchs ganze Schiff zog, an dieser oder jener Koje klinkte und ärgerlich knurrte, wenn abgeschlossen war. Er war der unangefochtene Herr an Bord, und selbst der Kapitän dachte nicht daran, sich mit dem wettergegerbten Kerl anzulegen, der in Harstad schliesslich von Bord ging. Womit ich keinesfalls vor den Schiffen der Hurtigrute warnen möchte – es fährt sich prächtig auf ihnen mit Kurs Norden -, aber es hat mich doch überrascht, mitten im touristischen Gleichmass der unverfälscht rauen Persönlichkeit eines Nordlandfischers zu begegnen, wie er hier und da literarisch verewigt wurde.

Dabei geschah das nicht einmal am 25. März, der seit Generationen der "Grosse Branntweintag" alter Lofotfischer ist. Schnaps gehört seit je zu den Notvorräten, die die Fischer kannen- oder fassweise mit an Bord nehmen. Und da es in den einsamen Fischerdörfern keinen Arzt gibt, ist "Biskebaar", eine infernalische Mischung von Branntwein mit spanischem Pfeffer, das bewährte Allheilmittel. Dennoch wird man kaum je einen Fischer in der Fangzeit betrunken erleben.

Einzige Ausnahme bleibt der 25. März, der Frühlingstag. Da fährt von alters her keiner hinaus; vom Bootsführer bis zum kleinsten Helfer lässt sich jeder vollaufen. Einmal während der Fangzeit müssen alle Über die Stränge hauen: Dabei kommt es zwar auch zu Raufereien, aber nicht zu Gewalttätigkeiten mit bösen Folgen.

Noch heute erzählt man sich in und um Stamsund, das erst zu Beginn unseres Jahrhunderts vom "Fischzaren" Julius M. Johansen regelrecht aus dem Felsen herausgesprengt wurde, wie es vor über sechzig Jahren dort zu einem gewissermassen "festlichen" Aufruhr kam.  Der Norweger Carl Schoyen hat es in seinem Buch "Der Lofot" berichtet.  Das Wachsen der neuen Siedlung hatte nämlich, ohne dass die Polizei einschritt, zu einem Oberhandnehmen des Branntweinverkaufs geführt. Fünf Krugwirte taten alles, um den Fischern die ganze Winterheuer aus der Tasche zu ziehen. So holten sich die besonneneren Fischer die Polizei als Zeugen und traten dann zum Sturm auf die Branntweinbuden an. Entweder lieferten die Kneipiers ihren Branntwein freiwillig zur Vernichtung aus, oder sie mussten erleben, dass man ihre Holzhäuser niederriss. Was an Branntwein nur aufzutreiben war, wurde damals Fass für Fass geleert und über die Klippen hinabgegossen. Die rauhe Luft war von Fuselgestank erfüllt, aber die Fischer sangen.  Damit hatten die Lofotfischer vor der Branntweinschwemme Ruhe und konnten künftig ihren Branntweintag nach alter Sitte, aber eben doch mit Massen begehen ... 


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